Als Igor und ich anfingen, unsere landwirtschaftlichen Zukunftspläne zu schmieden, war für uns von Anfang an klar: Wenn Landwirtschaft, dann biologische Landwirtschaft. Biobauern wollen wir werden, unseren landwirtschaftlichen Betrieb also möglichst im Einklang mit der Natur führen. Ein kürzlich geführtes Gespräch mit einem Imker-Ehepaar hat mich wieder einmal in meinen Ansichten bestätigt: Herr und Frau Rechberger widmen sich schon ihr halbes Leben der Imkerei, haben wohl schon Bienen gehalten, da waren wir noch nicht einmal auf der Welt. Seit vielen Jahren verkaufen sie Honig am Bauernmarkt in Steyr und seit einigen Jahren haben sie ihre Bienenstöcke im Mostobstgarten des Fuxengutes stehen. Dort sind wir also gestanden, und Herr Rechberger hat mir die dramatischen Auswirkungen der konventionellen Landwirtschaft auf die Bienen – die ich bisher nur aus dem Film „More than honey“ kannte – aus eigener Erfahrung geschildert.
Nach diesem Gespräch also noch viel mehr – ja, der biologische Landbau scheint uns der richtige Weg zu sein. Aber was ist wirklich biologischer Landbau? Reicht es, wenn man auf die von der Bio-Zertifikationsstelle nicht zugelassenen Dünge- und Pflanzenschutzmitteln verzichtet. Sind die Erzeugnisse, egal ob Gemüse, Fleisch, Eier oder Milchprodukte dann wirklich im Sinne des biologischen Landbaus? Die biologische Landwirtschaft entwickelt sich in manchen Aspekten aus unserer Sicht zunehmend in eine widersinnige Richtung. Den Konsumenten – und ich nehme mich da auch selbst nicht aus - fällt das oft nicht auf. Ich – noch mehr als Igor - bin schon seit Jahren eine sehr beständige Bio-Einkäuferin. Während unserer Zeit in Wien, hatten wir keinen Bauernmarkt oder ähnliches in greifbarer Nähe, berufliche und familiäre Pflichten und damit verbundene zeitliche Zwänge ließen – bis auf ein paar wenige Ausnahmen - meist keinen großen Spielraum für Ausflüge zu Direktvermarktern in der Umgebung. Und ja, das müssen wir ehrlich zugeben – obwohl gerade auch in Wien die Anzahl innovativer landwirtschaftlicher Vermarktungs- und Absatzmodelle immer größer wird - Foodcoop-Mitglieder oder ähnliches wurden wir nie. Also dann eben doch meistens Supermarkt am Heimweg von der Arbeit: gesünder und „richtiger“ scheint es allemal, wenn Ja-natürlich und Co im Einkaufswagen landen. Wenn einem dann aber die Bio-Hirse aus China im Bio-Regal begegnet, drängt sich dann doch die Frage auf, ob da nicht möglicherweise die konventionelle Hirse eines österreichischen Nicht-Biobetriebs nachhaltiger wäre?
Wie und wann hat das eigentlich begonnen, mit dem boomenden Bio-Trend? Ursprünglich stellte der biologische Landbau ja ein Gegenmodell zur zunehmenden Industrialisierung der Landwirtschaft in den 1970er-Jahren dar. Sie war sozusagen eine Alternative zur Maximierung der Gewinne. Landwirte wehrten sich dagegen, zunehmend in der Produktionskette zwischen Betriebsmittelproduzenten und Verarbeitungsindustrie eingeklemmt zu sein. Vielmehr wollten Biobetriebe wieder nachhaltigen ökologischen und sozialen Prinzipien folgen. Jetzt, knapp 50 Jahre nach den Anfängen des biologischen Landbaus in Österreich hat sich eine Diskussion über die fortschreitende Konventionalisierung der Biolandwirtschaft entwickelt. Die biologische Landwirtschaft wurde professionalisiert, klare Richtlinien wurden entwickelt (was ohne Frage zielführend ist), finanzielle Fördermitteltöpfe bereitgestellt. Gleichzeitig zeigt sich aber auch eine rückläufige Anzahl kleiner Biobetriebe in den Bergregionen. Sicher nicht, weil sie plötzlich nicht mehr biologische Landwirtschaft betreiben wollen sondern vielmehr wegen teurer Bio-Futtermitteln, hoher Investitionskosten oder auch fehlendem biospezifischen Marketing. Damit ist ein wirtschaftliches Überleben dieser Betriebe kaum möglich. Parallel dazu zeigt die Statistik eine zunehmende Flächenausweitung der Biobetriebe in den naturräumlichen Gunstlagen in der östlicheren Hälfte Österreichs bzw. eine hohe Bio-Umstellungsdynamik bei großen Betrieben. Die ursprüngliche Idee des Biolandbaus als umfassendes Lebens- und Wirtschaftsmodell, welches nachhaltigen sozialen, ökologischen und ethischen Prinzipien folgt, scheint zunehmend in den Hintergrund zu rücken. Produktionstechnische, betriebswirtschaftliche und marktwirtschaftliche Optimierung steht also auch im Biolandbau zunehmend im Vordergrund?
Wir wollen hier aber nicht mit dem Finger auf irgendwen zeigen oder Schwarz-Weiß-Malerei betreiben sondern viel wichtiger ist es uns, für uns selbst den richtigen Weg zu finden. Wir wollen auf chemische Dünge- und Pflanzenschutzmitteln verzichten, wir wollen unseren Boden schonend behandeln, mit Kompost fruchtbar halten, Artenvielfalt fördern, unterschiedliche Lebensräume pflegen, wir wollen unserem Federvieh ein lebenswertes Leben bieten.
Und gleichzeitig wollen wir auch, dass sich unsere zukünftigen Kunden darauf verlassen können, dass sie bei uns Bio- Produkte bekommen. Dementsprechend landeten schon vor einigen Monaten die von uns bestellten Infopakete von Bio Austria – dem österreichischen Verband für biologische Landwirtschaft – sowie von verschiedensten Kontrollstellen – eine davon müssen wir auswählen um dann den notwendigen Bio- Kontrollvertrag abzuschließen – in unserem Postkastl. Vorige Woche bekamen wir dann Besuch von einem sehr netten Berater von Bio-Austria und besprachen die nächsten Schritte, die rechtlich notwendig sind. Wir sind also derzeit am Weg – wenn auch noch sehr am Anfang - in Richtung „offizieller“ biologischer Landwirtschaft. Wobei wir mit gutem Gewissen unser Gemüse bereits jetzt als (inoffizielle) Bioware verspeisen.
Auch wenn wir unsere Ware nächstes Jahr noch nicht als Bio-Gemüse deklarieren dürfen – dafür sorgt die relativ lange Umstellungszeit – so sind wir am Weg zum Bio-Fuxengut. Der Beerengarten nebenan hat ja schon vor einigen Jahren die Ziellinie überschritten…dorthin schaffen auch wir es! Wenns soweit ist, wird gefeiert :)